Zehn Thesen der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel zum Gymnasialunterricht in Naturwissenschaften

  1. Der gymnasiale Unterricht muß in jedem Fach so allgemeinbildend sein, daß er denjenigen Schülern dient, die in ihrer späteren Ausbildung diesem Fach nicht mehr begegnen und aus ihrer Erfahrung im Gymnasialunterricht ihre Kenntnisse und ihr bleibendes Bild von diesem Wissensgebiet erhalten.

  2. Wichtiger als Vollständigkeit des Wissens gemäß einem vorgegebenen Stoffplan (die doch nie erreicht werden kann) und der Kenntnis einer Fülle von Einzelfakten ist Verständnis für die für das jeweilige Fach charakteristische Art des Denkens und Problemlösens, demonstriert anhand ausgewählter typischer Beispiele, die dafür um so sorgfältiger erarbeitet werden sollen.

  3. Der gymnasiale Unterricht darf nicht vorwegnehmen, was der propädeutische Unterricht für ein spezielles Fachstudium an der Hochschule in den ersten Semestern zu leisten hat.

  4. Der Gymnasialunterricht soll auch beim zukünftigen Studenten des Fachgebiets in erster Linie das Interesse für das Fach und die Freude wecken, den in diesem Gebiet sich zeigenden Fragen nachzugehen, Probleme zu lösen - und zwar selber zu lösen zu versuchen und nicht Fragestellung wie auch ihre Lösung vorgesetzt zu erhalten.

  5. Der Aufbau des Unterrichts soll sich mehr am altersspezifischen Aufnahmevermögen des Schülers orientieren und weniger an einem abstrakten wissenschaftstheoretischen Ordnungsschema des Faches mit streng durchgezogenem logisch konsistentem Verfahren in der jeweiligen wissenschaftlichen Fachsprache.

  6. Im Zentrum der gymnasialen Ausbildung steht nicht das Sammeln und Memorieren von Kenntnissen, sondern der Erwerb von Fähigkeiten. Die grundlegende Fähigkeit, die der Gymnasialunterricht vermitteln muß, ist ein eigenes, selbständiges Erarbeiten von Einsichten, Gedankengängen und Problemlösungsstrategien, vor allem in gruppenweiser Zusammenarbeit und Diskussion.

  7. Wesentliches Ziel der gymnasialen Lehrtätigkeit und Test für ihren Erfolg ist die Fähigkeit, im jeweiligen Fach die gewonnene Einsicht in Gründe, Zusammenhänge und Anwendungsmöglichkeiten im Rahmen eines Grundwissens sprachlich klar, in eigenen Worten und nicht in angelernten Standardwendungen formulieren zu können.

  8. Ein auf rein rationales Denken ausgerichteter Unterricht ist in seiner Einseitigkeit gerade auch für das zukünftige Studium der Naturwissenschaft ungenügend. Die nichtrationalen Potenzen der Schüler sind durch Angebote im musisch-künstlerischen Bereich deutlich zu entfalten.

  9. Die im Unterricht zu behandelnden Lehrgebiete sind fächerübergreifend abzusprechen, damit nicht immer wieder in dem einen Fach Voraussetzungen gemacht und Grundwissen aus anderen Fachgebieten vorausgesetzt wird, das dort erst in einem späteren Zeitpunkt behandelt wird.

  10. Die Weiterbildung der Lehrer soll sich nicht nur auf fachspezifische Detailfragen, sondern vermehrt auch auf die Fortbildung in Didaktik des Unterrichts, in Entwicklungspsychologie, in Lernpsychologie und -physiologie und in den philosophischen Grundlagen seines Fachgebietes im Rahmen eines Gesamtbildes unserer Kultur konzentrieren.


Aus: Stellungnahme und Thesen zum Gymnasialunterricht in Naturwissenschaften. Herausgegeben von Uli Steinlin, Basel 1988