Zehn Thesen der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der
Universität Basel zum Gymnasialunterricht in Naturwissenschaften
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Der gymnasiale Unterricht muß in jedem Fach so allgemeinbildend sein, daß
er denjenigen Schülern dient, die in ihrer späteren Ausbildung diesem Fach nicht
mehr begegnen und aus ihrer Erfahrung im Gymnasialunterricht
ihre Kenntnisse und ihr bleibendes Bild von diesem Wissensgebiet erhalten.
- Wichtiger als Vollständigkeit des Wissens gemäß einem
vorgegebenen Stoffplan (die doch nie erreicht werden kann) und der Kenntnis einer
Fülle von Einzelfakten ist Verständnis für die für das jeweilige
Fach charakteristische Art des Denkens und Problemlösens, demonstriert anhand
ausgewählter typischer Beispiele, die dafür um so sorgfältiger
erarbeitet werden sollen.
- Der gymnasiale Unterricht darf nicht vorwegnehmen, was der propädeutische
Unterricht für ein spezielles Fachstudium an der Hochschule in den ersten
Semestern zu leisten hat.
- Der Gymnasialunterricht soll auch beim zukünftigen Studenten des Fachgebiets
in erster Linie das Interesse für das Fach und die Freude wecken, den in diesem
Gebiet sich zeigenden Fragen nachzugehen, Probleme zu lösen - und zwar selber
zu lösen zu versuchen und nicht Fragestellung wie auch ihre Lösung
vorgesetzt zu erhalten.
- Der Aufbau des Unterrichts soll sich mehr am altersspezifischen Aufnahmevermögen
des Schülers orientieren und weniger an einem abstrakten wissenschaftstheoretischen
Ordnungsschema des Faches mit streng durchgezogenem logisch konsistentem Verfahren
in der jeweiligen wissenschaftlichen Fachsprache.
- Im Zentrum der gymnasialen Ausbildung steht nicht das Sammeln und Memorieren von
Kenntnissen, sondern der Erwerb von Fähigkeiten. Die grundlegende Fähigkeit,
die der Gymnasialunterricht vermitteln muß, ist ein eigenes, selbständiges
Erarbeiten von Einsichten, Gedankengängen und
Problemlösungsstrategien, vor allem in gruppenweiser Zusammenarbeit und
Diskussion.
- Wesentliches Ziel der gymnasialen Lehrtätigkeit und Test für ihren Erfolg
ist die Fähigkeit, im jeweiligen Fach die gewonnene Einsicht in Gründe,
Zusammenhänge und Anwendungsmöglichkeiten im Rahmen eines Grundwissens
sprachlich klar, in eigenen Worten und nicht in angelernten Standardwendungen formulieren
zu können.
- Ein auf rein rationales Denken ausgerichteter Unterricht ist in seiner Einseitigkeit gerade
auch für das zukünftige Studium der Naturwissenschaft ungenügend.
Die nichtrationalen Potenzen der Schüler sind durch Angebote im musisch-künstlerischen Bereich deutlich zu entfalten.
- Die im Unterricht zu behandelnden Lehrgebiete sind fächerübergreifend
abzusprechen, damit nicht immer wieder in dem einen Fach Voraussetzungen gemacht und
Grundwissen aus anderen Fachgebieten vorausgesetzt wird, das dort erst in einem
späteren Zeitpunkt behandelt wird.
- Die Weiterbildung der Lehrer soll sich nicht nur auf fachspezifische Detailfragen,
sondern vermehrt auch auf die Fortbildung in Didaktik des Unterrichts, in
Entwicklungspsychologie, in Lernpsychologie und -physiologie und in den
philosophischen Grundlagen seines Fachgebietes im Rahmen eines Gesamtbildes unserer
Kultur konzentrieren.
Aus: Stellungnahme und Thesen zum Gymnasialunterricht in Naturwissenschaften.
Herausgegeben von Uli Steinlin, Basel 1988